Ötzi 2018. DNF - here we go again


DNF. Schon wieder. Aber von Anfang an. Wir sind am Samstag in Sölden angekommen, alles war grau, regnerisch und wolkenverhangen. Immerhin – die Wetterprognose versprach einen trockenen Start und relativ gutes Wetter für Sonntag. Skeptisch waren wir aber trotzdem alle. Also habe ich am Abend in Sölden noch lange Handschuhe gekauft und mich aber gegen eine lange Hose entschieden. Ich mag das überhaupt nicht, da ist mir lieber kalt – auch wenn das vielleicht dumm ist. Die geplante Ausrüstung war also: Kurze Hose, Trikot, Weste, Armlinge, Regenjacke für die Abfahrten, kurze Handschuhe, lange Handschuhe und Überschuhe. Meine Verpflegung: 3 Hydro-Gels, 2 Riegel und 1 Smoothie, inklusive Labestationen natürlich.

Am nächsten Morgen war es dann tatsächlich trocken, aber kalt. Der Start verlief trotzdem gut, ich wollte mich schon im Mittelfeld platzieren und nicht zu weit hinten um nicht zu früh schon zurück zu fallen. Das hat auch gut geklappt. Die Abfahrt nach Ötz verlief ebenfalls sehr gut und für mich unfallfrei. Am Anstieg zum Kühtai erstmal Halt machen und die Regenjacke und die langen Handschuhe ausziehen, Gel essen und weiter. Ich fühlte mich gut, hatte einen guten Rhythmus und habe mich hochgekurbelt. Je höher ich kam, desto nebliger wurde es. Irgendwann fing es dann auch zu regnen an. Ich war trotzdem gut in der Zeit, aber es wurde immer kälter und vor allem nasser. Um 9:30 war ich dann oben, das Wetter war katastrophal. Trotzdem war ich zufrieden, die Zeit war ganz ok und sowohl hinter mir als auch vor mir waren noch andere Fahrer – nicht so wie letztes Jahr. An der Labestation habe ich dann versucht, so viel warmen Tee wie möglich zu trinken und ein bisschen was zu essen. Regenjacke wieder anziehen, die langen Handschuhe und weiter.

Die Abfahrt nach Kematen – nass, kalt, neblig, knapp 20 Meter Sicht – sau gefährlich. Und trotzdem war meine Laune relativ gut, die Musik in meinem Ohr hat mir die gute Laune erhalten und ich bin sicher und trotzdem relativ schnell runter gekommen – habe sogar einige hinter mir gelassen. Durch Innsbruck habe ich mir eine Gruppe in meinem Tempo gesucht und bis zum Anstieg am Brenner einen Riegel gegessen. Bis hier lief auch alles gut.

Dann der Brenner. Ein Berg, der eigentlich keiner ist, aber irgendwie doch. 40km mal ein bisschen hoch, mal ein bisschen runter, nichts Halbes aber auch nichts Ganzes. Im Kopf habe ich dann den Faden verloren und angefangen zu denken. „Meine Beine tun ja jetzt schon weh, wo habe ich das letzte Mal nochmal hingeschmissen? Puh, immer noch 20km das kann doch nicht sein, ich hab keine Lust mehr, was soll denn das?“ Als es dann in Matrei wieder ein bisschen gerade aus ging, habe ich nochmal einen halben Riegel gegessen und mir wieder eine Gruppe gesucht, die mich das flache Stück gezogen hat. Aber dann das letzte Stück war plötzlich die Luft raus. So steil ist der Brenner ja nicht, also weiß ich immer noch nicht ganz an was es gelegen hat, aber ich habe hier sehr viel Zeit liegen lassen. Ich bin immer langsamer geworden und habe mich das letzte Stück schon fast hochgequält. Trotzdem war ich nie alleine unterwegs, vor oder hinter mir war grundsätzlich immer jemand. Auch den Besenwagen hatte ich bis jetzt noch nicht gesehen. Also eigentlich nicht schlecht. Um 12:25 war ich dann am Brenner oben. Viel zu spät – der Jaufen schließt um 14:25. Aber ich hatte Hunger, also hab ich an der Labe wieder gegessen und wieder den warmen Tee getrunken, was auch wirklich gut getan hat. Vielleicht habe ich mir hier auch ein bisschen mehr Zeit gelassen, als gut war.

Dann die Abfahrt nach Sterzing ist fast so wie der Anstieg zum Brenner. Wirklich runter geht es zwar, aber nicht steil, also auch nicht schnell. Zeit gut machen war hier leider nicht möglich. Trotzdem hat sich hier dann noch eine kleine Gruppe formiert, die mich durch Sterzing gezogen hat. 
Am Fuß des Jaufenpasses dann wieder Jacke + Handschuhe ausziehen und Gel essen. Und weiter. Wir werden immer weniger Fahrer. Wo alle geblieben sind, die ich am Kühtai noch hinter mir hatte, weiß ich nicht. Jetzt macht der Kopf wieder mit. Aufgeben ist keine Option. Ich hab ein Mantra im Kopf. Bei jedem Ausatmen „Weiter.“ Immer weiter. Nicht nach oben sehen. Nicht nach unten sehen, einfach kurbeln und weiter. Wenn der innere Schweinehund kommt, hab ich gesagt: “Halt dein Mund. Weiter. Es geht immer weiter. Aufgeben ist keine Option. Nicht dieses Jahr.“ Das hat ganz gut funktioniert, aber irgendwann nach einem Blick auf die Uhr war klar: Das ist nicht mehr zu schaffen. Es war 14:15 und ich hatte noch 9 km. Keine Chance. Vorbei. Schon wieder. Egal. Ich bin trotzdem weiter gefahren. Die Luft war zwar draußen, aber es ging immer weiter. Plötzlich tun die Beine weh, der Hintern, die Arme, der Nacken. Alles, was der Kopf die ganze Zeit ausgeblendet hat, kommt jetzt schlagartig zurück. Rennen dieses Kalibers werden im Kopf gefahren. Hier kam das zum Ausdruck. Je höher ich kam, desto kälter wurde es. An der Labestation am Jaufepass wurde ich dann rausgezogen – ich durfte nicht weiter. Also Ende. Das Erstaunliche: Um mich herum standen ca 100 andere Fahrer.

Wie geht es mir jetzt? Vielleicht hätte ich es bei besserem Wetter tatsächlich geschafft. Es war eine ganz knappe Kiste und das Timmelsjoch wäre dann auch noch irgendwie gegangen. Irgendwie. Wie gesagt, aufgeben ist keine Option gewesen. Deswegen geht es mir auch besser als letztes Jahr. Ich hab nicht aufgehört, weil ich nicht mehr konnte, sondern weil es hieß: Du warst zu langsam. Zwar nicht viel, aber knapp vorbei ist auch daneben. Egal wie doof es klingt. Die Enttäuschung war natürlich trotzdem da, aber sie war nicht so groß wie letztes Jahr. Meine Vorbereitung war besser, ich war besser eingestellt auf das, was mich erwartet hat. Ich hatte im Vorraus geplant, wann ich was esse. Und das hat gut funktioniert.
Ich kann mit Sicherheit sagen, dass ich alles gegeben hab. Und das ich hier noch nicht fertig bin. Ich bin dankbar, dass PowerBar mir das dieses Jahr ermöglicht hat und mir mit der Ausrüstung und den Tipps geholfen hat. Ich bin traurig, dass ich es wieder nicht geschafft hab. Aber ich bin auch zuversichtlich, dass ich es das nächste Mal schaffen werde – die Leistung stieg die letzten 2 Jahre konstant und kann auch noch weiter steigen

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